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Stadt Coburg

„Vorkämpferin für den Weltfrieden"

Anna B. Eckstein (1868 - 1947)

Anna B. Eckstein

Nach dem Besuch der Bürger-Mädchenschule - einer Volksschule - in Coburg von 1874-1882 verlässt Anna B. Eckstein Coburg und reist in die USA zu Verwandten. Nach einer Tätigkeit als Privatlehrerin in einem sehr wohlhabenden Haushalt in New York wird sie Lehrerin für Sprachen an der „Modern School of Languages and Literature“ in Boston, deren Eigentümer die Quäker sind, eine Religionsgemeinschaft, zu deren Grundsätzen radikaler Pazifismus gehört, der sich auf das Christentum gründet. Sie wird Mitglied der „American Peace Society“ und 1905 deren Direktorin. 

1898 liest sie Bertha von Suttners Schrift „Die Waffen nieder“ und korrespondiert mit ihr; Suttner wird 1905 als erster Frau der Friedensnobelpreis verliehen. 

Bekannt wird Eckstein in der seinerzeitigen Friedensbewegung vor dem 1. Weltkrieg, weil sie auf eigene Kosten Unterschriftslisten drucken und verteilen lässt und so 1907 auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz mehr als 2 Millionen Unterschriften überreichen kann - die Forderung: „eine Weltpetition zur Verhütung des Krieges zwischen den Staaten“. Ausgedehnte Vortragsreisen führen Anna B. Eckstein quer durch Europa, die USA und Kanada, um für ihr Friedenskonzept zu werben. Das Ziel: die „Abschaffung des Krieges und das Zustandekommen der Schiedsgerichte“. Zwar wird in Den Haag ein Schiedsgerichtshof eingerichtet, um kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden, aber es blieb den einzelnen Staaten überlassen, ob sie diesen anrufen. Weder 1914 noch 1939 gab es solche Versuche. Überall war der radikale Nationalismus stärker als der Wunsch, Konflikte friedlich zu lösen. 1913 gehörte Eckstein zu den Nominierten für den Friedensnobelpreis, den sie aber nicht erhielt. 1919 erschien ihre Schrift „Staatenschutzvertrag zur Sicherung des Weltfriedens“. 

Eckstein kehrte nach Coburg zurück, nach dem 1. Weltkrieg wird sie Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), zu der auch Walter Rathenau gehörte. Vor 1933 ist sie vermutlich nur schriftstellerisch tätig; von anderen Aktivitäten ist nichts bekannt. Nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland verbringt sie einige Monate in der Schweiz - von manchen als „Schweizer Exil“ bezeichnet - die Gründe ihrer Rückkehr nach Coburg sind nicht bekannt. Ihre Schrift „Der Wille zur harmonisierten Macht“ erhält 1942 keine Druckerlaubnis durch das zuständige Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.  In Briefen an amerikanische Freunde bekennt sie nach dem Krieg: „I have never been a Nazi“. Ebenfalls in Briefen an diese Freunde war sie noch 1937 sicher, dass die Verwirklichung ihres Ideals - „Peace on Earth“ - nahe sei. 

Rätselhaft bleibt ihr Brief an Adolf Hitler am 5. Januar 1941, in dem sie zu Beginn feststellt, dass sowohl Hitler wie auch sie ein gemeinsames „Ideal“ hätten, womit sie augenscheinlich den Frieden meint. Eckstein schreibt: „dass Ihre Ideen und Taten einen von unaussprechlicher Dankbarkeit erfüllten Widerhall in meiner Seele finden und dass ich täglich zu dem Allmächtigen bete, Er wolle Ihnen die Erleuchtung und Kraft zu der gigantischen Arbeit, die die Verwirklichung Ihres - unseres - Ideals von Ihnen erheischt.“ Eckstein bietet ihre Mitarbeit und die Nutzung ihrer internationalen Kontakte an: „Vielleicht könnte in die Mauer von Lügen, Verdrehung und Verleumdung, mit der alle Volksschichten in den U.S.A. und in Britannien umgeben sind, eine Bresche geschlagen und das amerikanische und britische Volk zu unseren Verbündeten gemacht werden.“ Näheres möchte sie Hitler persönlich bei einer „gütigst gewährten Audienz“ in Coburg erläutern. Sie schließt ihren Brief mit: „Im Glauben an die Gottgewollte Sendung Eurer Exzellenz und in tiefgefühlter Dankbarkeit für Eure Führung bete ich täglich, dass der Vater unser aller Sie auch 1941 und in aller Zukunft segnen wolle mit Heil und Sieg!“ (Quelle: Eckstein, Tagebücher, S. 1684 f.) 

Irritierend, dass jemand wie Eckstein, die den deutschen Überfall auf Polen, die Kriege gegen Frankreich und England, die Bombardierungen von Coventry und Rotterdam und die radikale Verfolgung der Juden und Andersdenkender miterlebt hat, noch zu Beginn des Jahres 1941 offenkundig so gedacht hat. Hitler plante da bereits seit langem den Überfall auf die Sowjetunion. Anna B. Eckstein starb am 16. Oktober 1947 in Coburg. Das Friedensmuseum und die Grundschule in Meeder tragen ihren Namen. In Coburg wurde ihr 1987 die Anna-B.-Eckstein-Anlage gewidmet. 

Weitere Infos: 

- Ulrike Leis: Befreiung von der „Tyrannenherrschaft des Kriegsmolochs“. - In: „Seien Sie doch vernünftig!“ - Frauen der Coburger Geschichte; Hrsg. von Gaby Franger, Edmund Frey, Brigitte Maisch, Coburg 2008, S. 160-164. 

- Karl Eberhard Sperl: Miss Eckstein und ihr Peace on Earth, Meeder 2018. 

- Anna Bernhardine Eckstein: Leben und Wirken nach ihren Tagebüchern; hrsg. von Karl Eberhard Sperl, Meeder 2016-2023. Im Bestand der Landesbibliothek Coburg. 

- Das Anna-B.-Eckstein-Archiv ist zu erreichen über: https://archives.tricolib.brynmawr.edu

Diese Materialien sind auch im Mikrofilmformat in der Landesbibliothek Coburg im Lesesaal einzusehen: Signatur MF-26.